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Die Wahl der Qual; Linux Desktop-Oberflächen

BILD: Screenshot einer sebstgebastelten Oberfläche.
Debian Basis-System plus openbox, plank, tint2, pcmanfm = 172MB

Was erwarte ich von einer grafischen Desktop-Oberfläche?

Nicht allzu viel! Ich möchte sowohl mit der Maus als auch mit Shortcuts Programme starten. Ein Panel mit Taskleiste und Systemtray und ein paar Infos wie Datum/Uhrzeit, RAM-Verbrauch/CPU Auslastung hätte ich auch noch gerne. Und mittlerweile bitte ein Dock. Die Oberfläche muss jetzt auch nicht unbedingt potthässlich sein, aber Reaktionsschnelligkeit und – meinem Workflow entgegenkommende – Funktionalität kommt ganz klar an erster Stelle.

Desktop Lebenslauf

1991 – 2002: Ich habe 11 Jahre vor einem Amiga-Desktop verbracht. Erst AmigaOS 2.1, dann AmigaOS 3.1. Das war ein wirklich tolles grafisches Betriebssystem und passte auf drei Disketten! Übersichtlich, ohne überflüssigen Schnickschnack und intuitiv zu bedienen!

2002 – 2002: Der Versuch mit dem damals neuen WindowsXP war ein extrem kurzes Intermezzo. Mit der Oberfläche kam ich klar; mit dem Rest nicht! Nach dem ersten richtigen Absturz waren wir geschiedene Leute.

2002 – 2004: So kam ich auf freie Software und GNU/Linux. Ich entschied mich damals für Debian mit Gnome 1.4. Wirklich begeistert war ich weder vom BS noch von der Oberfläche.

2004 – 2007: Auf meinem neuen Notebook bekam ich Debian gar nicht erst zum laufen, aber ein SuSE-Linux mit KDE 2.x lief recht gut. Die KDE-Oberfläche empfand ich als Erholung gegen Gnome 1.4.

2007 – 2013: Nachdem mir SuSe und KDE4 nicht mehr gefiel installierte ich Ubuntu mit Gnome 2.x. Es war nicht so granuliert konfigurierbar wie KDE, aber es kam mir von der Bedienung sehr entgegen. Und die Oberfläche und das System selbst waren von Ubuntu hoch poliert. Ich hatte zum ersten Mal ein Linux-System, wo (fast) alles auf Anhieb funktionierte! Ich war begeistert…

Zeit für neue Wege

2013 – 2017: Leider wurde das gute Gnome 2.x von seinen Entwicklern in die Tonne getreten und Ubuntu 12.04 kam mit einer eigenen Oberfläche namens »Unity«. Auch mit der Bedienung von Gnome 3.x wurde ich nicht warm (das ist auch so eine »Deppen-Desktop« wie Unity und Windows 8.x). KDE kommt seit Version 4 für mich auch nicht mehr in Frage; XFCE war irgendwie nie mein Ding (weder Fisch noch Fleisch). Und dem Gnome 2.x Fork »MATE« habe ich als damaliges »Ein-Mann-Projekt« keine Zukunft zugetraut.

Ab 2013 nutzte ich wieder Debian; mit LXDE. Das war eine schwere Entscheidung; letztendlich habe ich das ressourcenschonendste System gewählt. In Debian ist LXDE völlig unpoliert und es knirschte an einigen Stellen; ich konnte vieles richten, musste aber auf einige gewohnte Sachen verzichten. Allerdings lernte ich auch die Reaktionsfreudigkeit von LXDE zu schätzen.

2017 – 2019: Eine neue Installation stand an. Und LXDE wird bald nicht mehr weiterentwickelt. Der Nachfolger heißt LXQT und verwendet die QT-Bibliotheken. Diese verbrauchen – wie auch die Gnome 3.x-Bibliotheken – mehr RAM. Es muss was Neues her, also testete ich ein wenig rum…

RAM Verbrauch der verschiedenen Desktop-Umgebungen

Warum ist mir der RAM-Verbrauch so wichtig? Schließlich haben heutzutage die Computer doch reichlich RAM. Ja, aber ich werde das gewählte System auf vielen alten Laptops installieren. Wenn selbige nur 1GB RAM haben, ist es eben ein Unterschied, ob nur die Oberfläche schon über die Hälfte des RAMs belegt oder nur 20%.

Ich habe mir also ISOs mit verschiedenen Oberflächen für Debian 9 (Stretch), AMD64, runtergeladen und sie als ISO in Virtualbox ausgeführt (oder in VBox installiert), ein Terminal geöffnet und »free -h« ausgeführt (used). Je nach dem, was man sich noch so installiert und welche Dienste aktiviert werden, kann der RAM-Verbrauch nach einer individuellen Nutzerinstallation explodieren, aber um mal einen Überblick mit in etwa gleichen Bedingungen zu haben, scheint mir die Tabelle brauchbar.

Stand vom 10.07.2017 (nach RAM sortiert):

Desktop Version Bibliothek RAM MB
Basis 141 MB installiert
Openbox+* 3.6.1? 172 MB installiert
LXDE 0.99? GTK 2+ 195 MB Virtualbox
XFCE 4.12 GTK 23+ 218 MB Virtualbox
MATE 1.16 GTK 23+ 224 MB Virtualbox
LXQt 0.11? QT 5 233 MB installiert
Cinnamon 3.2.7 GTK 3+ 438 MB Virtualbox
Gnome 3.22 GTK 3+ 558 MB Virtualbox
KDE 5.8 QT 5 587 MB Virtaulbox

*Debian Basis-System plus openbox, plank, tint2, pcmanfm und compton; wie oben auf dem Screenshot.

Vor allem MATE mit nur 224MB RAM war ein Augenöffner! Es ist zukunftskompatibel, da es schon in der nächsten Version komplett auf GTK3+ umgestellt wird und spielt in der gleichen RAM-Liga wie LXQt, ist aber schon deutlich ausgereifter. Eine dritte Option ist ein selbst zusammen gestellter Desktop wie oben im Bild, basierend auf Openbox.

Nachdem ich 2 Wochen Mate ausprobiert hatte, missfielen mir verschiedene Dinge (vor allem vom RAM-Verbrauch war ich letztendlich enttäuscht) und ich installierte Openbox. Obwohl ich mit Openbox nicht gerade das neuste und innovativste System gewählt hatte (ich wollte ja eigentlich was zukunftskompatibles), war ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Vom RAM her letztendlich kein großer Gewinn gegenüber LXDE; fertig installiert mit zusätzlich conky, Hintergrundbild, Policykit und Dropbox (alleine dieser Dienst frisst über 100MB RAM) komme ich auf 350MB (used). Zugegeben; er sieht ein wenig langweilig aus. Aber alles was ich brauche funktioniert und rennt wie Sau! :)

2019 – 2021: Da ich zu faul war, mir noch mal meinen eigenen Openbox-Desktop aufzubauen, habe ich Mate noch mal eine Chance gegeben. Die meisten negativen Sachen, die mir bei der Versuchs-Installation aufgefallen sind, konnte ich fixen. So richtig zufrieden war ich aber nicht, vor allem der hohe RAM-Verbrauch nach der Individualisierung nervte mich (770MB nach dem booten).

2021 – ?: Diesmal versuchte ich es mit LXQt. Erstmal mit Openbox als Fenstermanager. Der brachte aber nur wenige MB Gewinn gegenüber xfwm4 und zeriß mir bei scrollen im Browser den Bildschirm. Der RAM-Verbrauch scheint gegenüber Mate moderater und die "Schwuppdizität" ist wie bei Openbox und LXDE (ich bildete mir ein, das es einen Hauch schneller ist als Mate). Direkt nach der Installation verbrauchte LXQt (mit xfwm4) nach dem booten 353MB. Nach dem individualisieren verbraucht das System jetzt um die 475MB (allerdings ohne conky und Nextcloud-Einbindung). Im Augenblick fühlt sich LXQt ganz gut an!

Nebenbei; die Basis-Installation von bullseye (Debian 11) brauchte es nach dem booten auf 147MB und eine versehentliche Gnome-Installation auf stolze 906MB.


Abbildungen:
[1] Comicfigur gezeichnet von Dirk Schmitt für diese Seiten, © H. Felder
[2] Screenshot einer selbst zusammengestellten Desktop-Umgebung

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